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Grusswort Frühjahr 2021

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Vor wenigen Tagen rief mich ein Versbacher Ortschronist an, um über mich und meine Arbeit als
ehemaliger Allgemeinarzt zu recherchieren. Rasch kamen wir auch auf meinen Schwiegervater zu
sprechen, der die Praxis 1948 gegründet hatte und exakt dem Bild entsprach, das man sich
damals und heute von einem richtigen Landarzt macht.
Wie früher üblich, war er Tag und Nacht für die Patienten da, jederzeit konnte man ihn rufen,
wenn ein Geburtshelfer gefragt war und saß ein Zahn auf Eiter, griff er zur großen Zange und
setzte der Pein ein Ende!
Hatte sich ein Bauer mit der Sichel den halben Unterschenkel abgetrennt, packte er den Armen in
sein Auto und fuhr ihn kurzerhand in den „Bau 6“ des „Luitpold-Krankenhauses“.
Im Grippewinter 1957, als weltweit über 1 Million Menschen an der Asiatischen Grippe verstarben,
versah er ungerührt und unerschrocken seinen Praxisdienst - fast immer eine Zigarre der Firma
Wolsdorff zwischen den Lippen.
Der Ortschronist war von meinen Schilderungen beeindruckt.
Mein Enkel, der bei dem Telefonat zufällig anwesend war, ebenfalls!
Weil heranwachsende Jungs gruselige Geschichten über halb abgeschrittene Finger, tollwütige
Füchse auf Versbachs Äckern und blutige Bisswunden am Gesäß mögen, haben wir noch eine
ganze Weile über die Medizin im vergangenen Jahrhundert geplaudert.
So erfuhr er auch, dass nach dem Krieg die Schulen zerstört waren und der Unterricht ein halbes
Jahr ausgefallen ist, dass die Patienten den „Herrn Doktor“ mit Briketts bezahlten, damit er den
Kohleofen in seinem Behandlungszimmer anheizen konnte und dass das Horten von
Toilettenpapier die geringste Sorge war, da man auf dem Land alte Zeitungspapierfetzen ins
Toilettenhäuschen hing.
„Und wir machen heute so ein Gedöns wegen Corona“ - meinte Enkel Leo nachdenklich und
verzog sich mit seinem IPad aufs Sofa.
Ich gebe zu, Corona nervt, die zögerliche Impfstoffbeschaffung treibt mir die Zornesröte ins
Gesicht, die Impfsoftware „BayIMCO“ strotzt vor gravierenden Mängeln, die Statements der
Politiker sind überwiegend hanebüchen und die Zahl der Corona-Toten ist eine schreckliche
Tragödie!
Wenn ich in diesen Tagen höre, dass immer noch viele Hausärzte keine Impfung erhalten haben,
während junge - nicht am Patienten arbeitende - Büroangestellte in Arztpraxen bereits die 2.
Impfung erhalten haben, reißt mir buchstäblich der Geduldsfaden!
Während ich über die vielen Geduldsproben wetterte, erreichte mich kürzlich ein Fastenbrief von
Abt Johannes Eckert, der dem Kloster Andechs vorsteht und in St. Bonifaz in München die
Obdachlosen, die Armen, Alten und Kranken speist und medizinisch versorgt.
Sein Schreiben ermuntert uns, das Geduldsspiel auszuhalten, die Geduldsprobe zu ertragen und
erinnert daran, dass „Geduld eine wichtige Tugend ist, die der eigenen Reifung dient“. Geduld
führe nach seinen Worten letztendlich auch zu Gelassenheit.
Manchmal frage ich mich , wie sich mein Schwiegervater Oscar, der hartgesottene Landarzt, wohl
in diesen stürmischen Corona-Zeiten verhalten hätte...
Nun, wahrscheinlich hätte er sich eine Zigarre angezündet, den Rauchschwaden nachgeblickt und
sich erst einmal in Geduld geübt....
Geduld und Gelassenheit für das bevorstehende Osterfest und die prophezeiten besseren Tage
ab April wünsche ich Ihnen von Herzen!
Ihr Christian Potrawa